Rolle im Ökosystem Wald

Die Rolle eines Beutegreifers in einem Ökosystem hängt davon ab, wie sehr es auf bestimmte Beute spezialisiert ist und wie komplex der Lebensraum und reichhaltig das Angebot adäquater Beutetiere ist. In unseren Breiten sind Luchse sehr auf Rehe spezialisiert – im Pfälzerwald beispielsweise machen sie ca. 70-90 % der Luchsbeute aus, zumal diese in unseren Wäldern auch reichlich vorhanden sind. Aber Luchse ernähren sich auch von einer Reihe anderer Tierarten – etwa von Hirschen (Rotwild), die im Pfälzerwald bis zu 10 % ihrer Beute ausmachen, oder kleineren Wildtieren wie Feldhasen, Füchsen und jungen Wildschweinen (Frischlinge), Mäusen oder Eichhörnchen – je nach dem, was sie gerade zu fassen kriegen. Statistisch gesehen sind es dabei die schwächeren und kranken Tiere, die – weil sie langsamer und weniger aufmerksam sind – der Luchs am häufigsten erbeutet, wodurch u.a. das Ausbreitungsrisiko von Seuchen gedämpft werden kann. Somit übt er als „Gesundheitspolizei“ einen gewissen Selektionsdruck aus (Überleben der Fittesten im Gegensatz zur menschlichen „Trophäenjagd“ der stärkeren Individuen), was grundsätzlich eine positive Wirkung auf das Ökosystem hat. Dass Luchse in NRW über diesen positiven Effekt als „Regulator am Rand“ hinaus Rehbestände langfristig und großräumig beeinträchtigen, ist nicht zu erwarten. Allerdings wird es je nach Luchsdichte und Eignung der Lebensräume lokale Unterschiede geben. Kritisch könnte es allerdings für die Vorkommen des Mufflons aussehen. Diese einst aus dem Mittelmeerraum (Korsika/ Sardinien) eingeführten Wildschafe, könnten durch den Luchs in ihrer Anzahl stark dezimiert werden, da es dieser Art in NRW an geeigneten steilen und felsigen Rückzugsgebieten mangelt, welche Mufflons jedoch für ihr natürliches Fluchtverhalten benötigen.

Neben Huftieren erbeuten Luchse auch immer wieder Füchse (teils auch andere Fleischfresser wie Marder, Marderhunde, Dachse und Wildkatzen) – z.T. sogar so regelmäßig, dass dies einen nennenswerten Einfluss auf die Bestandsentwicklung dieser Hundeartigen haben kann. Fuchsdichten, die aufgrund menschlicher Einflüsse vielerorts unnatürlich hoch sind, können durch Luchse derart gesenkt werden, dass gefährdete Hasen- und Auerhuhnbestände sowie andere Beutetiere lokal signifikant profitieren und wieder ansteigen.

Zurück zum Reh: Ein Luchs frisst im Jahr etwas mehr als 50 Rehe / 100 km². Sollte das Revier gleichzeitig von zwei Weibchen besetzt sein – Reviere von Männchen und Weibchen überlappen sich oft – könnten auf derselben Fläche jährlich bis zu 150 Rehe erbeutet werden. Statistisch entspricht diese Zahl in etwa der Hälfte der Rehe, die in NRW jährlich auf 100 km² gejagt werden und eines anderen Todes (Krankheit, Kälte, Verkehrsunfall, etc.) sterben. Anderen Berechnungen zufolge erlegt ein Jäger in Deutschland im Schnitt 5 - 10 Rehe pro km² und Jahr. Wenn ein Luchs im gleichen Zeitraum also etwa 50 Rehe benötigt – verteilt auf sein riesiges Revier von ca. 100 km² (bei Männchen sogar oft von bis zu 250 km²) – entnimmt er rein rechnerisch nur ca. 0,5 Rehe pro km² (meist weniger). Selbst bei einer Verdreifachung des Wertes auf 1,5 Rehe pro km² (bei zusätzlich zwei Weibchen im Revier eines Männchens) liegt dieser Wert deutlich unter der menschlichen Jagdstrecke. Somit wird der Luchs heutzutage unter Jägern zunehmend als „Mitjäger“ denn als „Störfaktor“ toleriert und der Effekt des Luchses sollte in die Abschussplanung der Rehwildbestände einkalkuliert werden. Weil Luchse – anders als Wölfe – ihre Beute nahezu vollständig verwerten und kaum Reste des Kadavers zurückbleiben, spielen sie für die Vielfalt unterschiedlicher Aasfresser eine eher untergeordnete Rolle.

Neben diesem direkten Einfluss durch Erbeuten hat der Luchs auch einen indirekten Einfluss auf seine Beutetiere – und zwar durch Verängstigen („Landschaft der Angst“). Dort, wo es keine Raubtiere gibt, können potenzielle Beutetiere ungestört und furchtlos Habitate aufsuchen, in denen ihnen die reichhaltigste Nahrung zur Verfügung steht. Dadurch können sie ihre Fitness erhöhen, sich stark vermehren und den Druck auf die Vegetation maximieren. Sollten in dem Lebensraum nun Raubtiere Einzug halten, wäre es mit der Ruhe zu Ende: In diesem Fall müssen die Beutetiere einen höheren Teil ihrer Zeit und Energie damit verbringen, ihre Umgebung zu überwachen und sich zu verstecken. Bestimmte Bereiche würden die Beutetiere nur noch selten und unter großer Vorsicht aufsuchen, um das Risiko, erbeutet zu werden, zu minimieren. Sind also Luchse in der Nähe, meiden Rehe bestimmte Gebiete oder halten sich kürzer an offenen Stellen wie Wiesen und Lichtungen auf. Heißt das, dass sie 365 Tage im Jahr Stress haben und sich dort, wo der Luchs vorkommt, nicht mehr fortpflanzen? Zwar könnte es sein, dass weniger Nachkommen geboren werden, aber bei einer Reviergröße von 100 km², die ein Luchs das ganze Jahr über nutzt, gibt es in den einzelnen Bereichen seines Reviers auch immer wieder Phasen – Untersuchungen zufolge besucht ein Luchs die meisten Teile des Streifgebietes regelmäßig alle 15 bis 30 Tage –, in denen seine potenziellen Beutetiere akut nichts zu befürchten hat (bei Überschneidung von Reviergrenzen erhöht sich jedoch die Frequenz; s. oben). Dennoch könnten junge Bäume in manchen Bereichen durch dieses vorsichtigere Verhalten der Rehe entlastet werden (weniger Verbiss). So regeneriert und erneuert sich der Wald besser, ohne dass der Luchs die Rehe zum Verschwinden bringt. Damit sorgt der Luchs also für eine natürliche Verteilung der Rehe, was den Jungbäumen hilft (Naturverjüngung), obwohl die Rehe faktisch noch da sind.